Wer im Onlinebusiness sitzt und verkaufen will, muss sichtbar sein. Dafür muss man Blogartikel schreiben, muss man YouTube-Videos machen und muss man auf Insta Storys, Reels und Karussells posten.
Oh, warte, was ist das? Eine Einladung zur Blogparade von Silke Geissen mit dem Thema „Einen Scheiß muss ich“.
Ich wollte schon immer an einer Blogparade teilnehmen und das Thema passt ja sowas von perfekt!
Denn….
Ich muss…
Ich bin gerade maximal genervt und du wirst mich verstehen, wenn du ebenso in der Onlinebusiness-Bubble unterwegs bist.
Ich muss jetzt unbedingt meine Website mit KI neu bauen.
Ich muss mit Claude ein interaktives Tool entwickeln.
Ich muss Online-Kurse mit KI in 30 Minuten erstellen, ein Buch mit KI schreiben, den neusten Trend ausprobieren und natürlich auch noch an der nächsten beliebten Challenge teilnehmen.
Zumindest könnte ich das glauben, wenn ich mich auf Social Media umschaue und Newsletter der bekannten Coaches und Berater lese, die gerade im erhöhten Tempo KI-Miniprodukte raushauen. (Stimmt, das muss ich auch noch…)
Überall wird mir erklärt, bzw. geraten, was ich jetzt unbedingt tun muss, damit ich nicht den Anschluss verliere. Ich muss unbedingt schneller werden, moderner arbeiten, mehr automatisieren und selbstverständlich KI so nutzen, wie es gerade vormachen.
Und wenn ich das nicht tue? Dann bin ich vermutlich bald weg vom Fenster!
So fühlt es sich zumindest manchmal an.
Einen Scheiß muss ich. Ich muss gar nichts
Je länger ich selbstständig bin, desto klarer wird mir das.
Das klingt vielleicht etwas drastisch, trifft für mich aber ziemlich genau den Punkt. Ich kann mir neue Entwicklungen anschauen, ich kann Tools testen und ich kann prüfen, ob eine neue Möglichkeit zu mir und meinem Business passt. Ich muss aber nicht bei allem sofort mitmachen, nur weil es gerade neu, beliebt oder angeblich unverzichtbar ist.
Aktuell bedeutet das für mich ganz konkret: Ich mache bei diesem KI-Hype rund um automatisch erstellte Tools, Webseiten und interaktive Produkte vorerst nicht mit.
Nicht, weil ich KI grundsätzlich ablehne. Ganz im Gegenteil. Ich nutze KI gern und sehe durchaus, welche Möglichkeiten darin stecken. Trotzdem habe ich für mich entschieden, dass ich gerade nicht mit Claude irgendwelche Tools bauen oder meine komplette Website von einer KI neu erstellen lassen möchte. Damit nehme ich für mich den Druck raus!
Vielleicht mache ich das später.
Vielleicht finde ich irgendwann eine sinnvolle Anwendung, die mich wirklich weiterbringt. Oder ich habe zu einem anderen Zeitpunkt Lust, mich intensiver damit zu beschäftigen.
Aber jetzt gerade nicht. Meine Entscheidung, keine verpasste Chance!
FOMO macht schnell mal aus Möglichkeiten Verpflichtungen
Natürlich spielt dabei für viele auch FOMO, die Angst, etwas zu verpassen, eine Rolle.
Plötzlich scheint jeder eine Claude-Website zu haben, ein eigenes KI-Tool zu entwickeln oder innerhalb weniger Stunden ein neues Produkt zu erstellen. Überall tauchen, Kurse und Workshops auf, bei denen gefühlt alle dabei sind.
Dann beginnt es schnell im Kopf zu rattern:
Was ist, wenn die anderen dadurch viel schneller vorankommen?
Was ist, wenn ich den Trend verpasse?
Was ist, wenn meine Website altmodisch wirkt?
Was ist, wenn ich später bereue, nicht mitgemacht zu haben?
Diese FOMO ist ziemlich geschickt darin, aus einer Möglichkeit eine Verpflichtung zu machen. Aus „Das könnte interessant sein“ wird plötzlich „Das muss ich unbedingt auch machen“.
Dabei sehe ich meistens nur, dass andere etwas tun. Ich sehe aber nicht automatisch, ob es ihnen wirklich etwas bringt, wie viel Zeit sie investieren, ob das Ergebnis zu ihrem Business passt oder ob sie vielleicht selbst nur mitmachen, weil alle anderen mitmachen.
Ich will kein neues Hamsterrad
Als ich mich selbständig gemacht habe, war Freiheit für mich einer der wichtigsten Gründe.
Ich wollte selbst entscheiden, was ich mache, wann ich es mache, wie ich es mache und wie oft ich es mache. Ich wollte nicht mehr ständig Vorgaben erfüllen, die jemand anderes für mich festlegt.
Daher wäre es doch Sinnbefreit, wenn ich mir im eigenen Business direkt die nächsten Zwänge aufbaue.
- Ich muss fünf Reels aufnehmen, jeden Tag posten, Karussell-Posts erstellen und Stories machen.
- Ich muss auf Facebook, Instagram, LinkedIn und am besten auch noch auf jeder neuen Plattform vertreten sein.
- Ich muss meine Website mit KI bauen.
- Ich muss an der nächsten Challenge teilnehmen.
- Ich muss ein neues Tool testen, weil jemand gesagt hat, dass es unverzichtbar ist.
Wenn ich ständig denke, was ich noch alles muss, fühlt sich mein Business irgendwann nicht mehr nach Freiheit an. Dann habe ich mir lediglich ein neues Hamsterrad gebaut, nur dass diesmal mein eigener Name draufsteht.
Diese Entscheidung habe ich schon einmal getroffen
Vor einigen Jahren habe ich eine ähnliche Entscheidung bereits für meinen Blog getroffen.
Damals hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon im Kopf, wie ein richtiger Blogartikel angeblich aussehen muss. Er sollte lang sein, ausführlich recherchiert, perfekt strukturiert und natürlich bis zum letzten Absatz SEO-optimiert. Am besten episch.
Alle wichtigen Keywords mussten enthalten sein, jede Frage beantwortet und jedes Thema vollständig ausgeleuchtet werden. Zumindest wirkten die Blogartikel der anderen so auf mich.
Kein Wunder, dass mir das Schreiben irgendwann schwerfiel. Bereits vor dem ersten Satz hatte ich das Gefühl, eine riesige Aufgabe vor mir zu haben.
Aber dann besann ich mich wieder auf mich selbst. Ich bin, wie ich bin und traf für mich eine Entscheidung. Ich beschloss, dass meine Blogartikel anders aussehen dürfen.
Ein Artikel darf kurz sein.
Er darf persönlich sein.
Er darf emotional sein.
Er muss nicht jedes Thema bis ins letzte Detail erklären und auch nicht zu Tode SEO-optimiert werden. Er darf eine klare Botschaft haben, einen Gedanken anstoßen oder eine Erfahrung teilen.
Nach dieser Entscheidung fiel mir das Schreiben deutlich leichter, weil ich nicht mehr versuchte, eine fremde Vorstellung davon zu erfüllen, wie ein Blogartikel angeblich sein muss.
Ich schreibe so, wie es zu mir passt.
(Leider ist mein Blog dann doch eingeschlafen und erst jetzt, nach über zwei Jahren, wieder belebt worden.)
Ich kann vieles tun, aber ich muss nicht alles tun
Das Onlinebusiness bietet mir heute unzählige Möglichkeiten.
Ich kann einen Blog schreiben, einen Newsletter versenden, Videos aufnehmen, einen Podcast starten oder in sozialen Netzwerken aktiv sein. Ich kann KI einsetzen, Prozesse automatisieren, digitale Produkte entwickeln und neue Tools ausprobieren.
Aber nur weil etwas möglich ist, muss ich es nicht automatisch tun. Ich darf auswählen.
Dabei frage ich mich inzwischen nicht mehr nur, ob etwas modern, angesagt oder technisch beeindruckend ist. Ich frage mich vor allem:
Passt das zu mir?
Passt es zu meiner Zielgruppe?
Unterstützt es mein Business oder beschäftigt es mich nur?
Macht es mir Freude oder kostet es mich dauerhaft Überwindung?
Bringt es mich wirklich voran oder lenkt es mich von den Dingen ab, die bereits funktionieren?
Natürlich bedeutet das nicht, dass ich nur noch Dinge tue, die jederzeit leicht und bequem sind. Auch im eigenen Business gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen und nicht immer Spaß machen (Buchhaltung!).
Es bedeutet aber, dass ich nicht jeden Hype automatisch zu meiner neuen Priorität erkläre.
Du denkst dir gerade: Mensch, die ist mir aber sympathisch, genau meine Gedanken, dann abonniere doch meinen Newsletter. Hier kannst du dich anmelden
Freude und Leichtigkeit sind kein Luxus
Gerade wenn mir Technik ohnehin nicht immer leichtfällt, muss ich mir doch nicht zusätzlich einreden, dass ich jetzt unbedingt jede neue technische Möglichkeit beherrschen sollte.
Ich darf lernen. Ich darf ausprobieren. Ich darf auch entscheiden, dass etwas gerade nicht dran ist.
Mein Business soll mich fordern, aber es soll mich nicht permanent überfordern. Ich möchte neugierig bleiben, ohne jedem Trend hinterherzurennen. Ich möchte neue Möglichkeiten nutzen, ohne ständig das Gefühl zu haben, zu spät zu sein.
Und ich möchte bei all den Strategien, Tools und technischen Entwicklungen nicht vergessen, warum ich mich selbständig gemacht habe.
Ich wollte nicht nur arbeiten. Ich wollte freier arbeiten.
Ich selbst in der „Ich-muss-Falle“
Übrigens, tappe ich selbst auch immer wieder in die „Ich muss-Falle“.
So viele Möglichkeiten, die ich habe. Der Wunsch, ständig möglichst viele Interessenten und Kunden zu gewinnen und zu sehen, was die anderen gerade so anbieten und scheinbar mit Leichtigkeit so schnell nacheinander anbieten und (vermutlich) erfolgreich verkaufen, setzt mich ebenso immer wieder unter Druck.
Und dann ist er wieder da, der Gedanke: Ich muss jetzt aber….
Mein Glück: Ich bin nicht so die schnelle Umsetzerin. Ich denke noch mal drüber nach und dabei fällt mir auf, dass ich gerade wieder in die Falle laufe.
Eine kleine Übung gegen das ständige Müssen
Du denkst jetzt gerade: „Nora, du hast leicht reden. Es gibt aber nun mal so viele Dinge, die ich wirklich tun muss.“
Okay, dann hast du sicher direkt eine ganze Liste solcher Aufgaben im Kopf. Aufgaben, von denen du sicher bist, dass du sie angeblich machen musst.
Dann nimm dir doch schnell einen Zettel und schreibe alle Dinge auf, die dir spontan einfallen. Beginne mit: Ich muss…..
- Ich muss mehr posten.
- Ich muss endlich Reels machen.
- Ich muss KI stärker nutzen.
- Ich muss meine Website überarbeiten.
- Ich muss an dieser Challenge teilnehmen.
- Ich muss dieses Tool ausprobieren.
Streiche anschließend bei jedem Satz das Wort „muss“ und ersetze es durch „kann“.
Aus „Ich muss Reels machen“ wird „Ich kann Reels machen“.
Aus „Ich muss meine Website mit KI neu bauen“ wird „Ich kann meine Website mit KI neu bauen“.
Na? Wie klingt das jetzt für dich?
Das scheint eigentlich nur eine kleine sprachliche Veränderung zu sein, verändert aber die Perspektive. Eine Verpflichtung wird wieder zu einer Möglichkeit.
Frage dich danach bei jedem Punkt: Will ich das wirklich?
Passt es zu mir und meinem Business?
Ist es gerade wichtig?
Oder habe ich nur Angst, etwas zu verpassen?
Will ich das?
Will ich das?
Will ich das?
Du entscheidest, was dran ist
Vielleicht passt die nächste Challenge perfekt zu dir.
Vielleicht möchtest du deine Website jetzt gerade mit KI neu gestalten oder ein eigenes Tool entwickeln. Dann mach es.
Aber mach es, weil du dich bewusst dafür entschieden hast, und nicht, weil du Angst hast, sonst nicht mehr mithalten zu können.
Du musst nicht jeden Kanal bespielen, jedes Tool testen und jeden Trend mitmachen. Du musst auch nicht genauso arbeiten wie andere Unternehmer.
Du darfst dir die Möglichkeiten heraussuchen, die zu dir, deiner Zielgruppe und deinem Business passen.
Denn genau darin liegt für mich die Freiheit der Selbständigkeit.
Ich kann vieles.
Aber einen Scheiß muss ich.

Aaaaach, liebe Nora, wie entspannend sich das anfühlt, so vieles nicht zu müssen, nicht wahr?
Vielen Dank für deinen schönen Artikel und die vielen Freiheitsoptionen, die du für dich und die geneigte Leserschaft herausgearbeitet hast. Und schön, dich nach langer Zeit wieder zu lesen!
"Es bedeutet, dass ich nicht jeden Hype zu meiner neuen Priorität erkläre." Was für ein gewichtiger Satz; der ging mir besonders tief – bin ich doch auch immer wieder mal FOMO-anfällig.
Ich mag deine Art zu schreiben, unaufgeregt, emotional und doch professionell. Und ich mag supergern deine Newsletter-Einladung (ich MUSS ja nicht nur die Blogparadenanteile kommentieren).
Sehr schön, dass du mitgemacht hast. Sei bedankt und herzlich gegrüßt aus Hamburg.
Silke